Ratgeber Arbeitsrecht

Arbeitszeugnis Schweiz 2026 – Codes, Formulierungen & Vorlage

Geheimcodes entschlüsseln, Formulierungen richtig deuten und dein Zeugnis prüfen – mit OR-Grundlagen, Muster-Vorlage und Tipps zur Berichtigung.

Rechtsgrundlage (OR Art. 330a)

Das Schweizer Obligationenrecht regelt den Anspruch auf ein Arbeitszeugnis in Art. 330a OR. Jeder Arbeitnehmer kann jederzeit ein Zeugnis verlangen – nicht erst bei der Kündigung.

Gesetzliche Grundlagen zum Arbeitszeugnis
Gesetzesartikel
Inhalt
OR Art. 330a Abs. 1
Anspruch auf ein Zeugnis über Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie Leistung und Verhalten
OR Art. 330a Abs. 2
Auf Verlangen ein einfaches Zeugnis (nur Art und Dauer, ohne Bewertung)
OR Art. 328
Fürsorgepflicht des Arbeitgebers – Zeugnis darf berufliches Fortkommen nicht ungerechtfertigt erschweren
OR Art. 362
Zeugnisanspruch ist zwingend – kann vertraglich nicht wegbedungen werden

Das Arbeitszeugnis muss drei Grundsätze erfüllen: Es muss wahrheitsgemäss, wohlwollend und vollständig sein. Im Zweifelsfall geht Wahrheit vor Wohlwollen.

Qualifiziertes vs. einfaches Zeugnis

Qualifiziertes Zeugnis (Vollzeugnis)
Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses, Beschreibung der Aufgaben, Bewertung von Leistung und Verhalten, Schlussformel mit Dank und Zukunftswünschen. Wird in der Regel ausgestellt – der Standard.
Einfaches Zeugnis (Arbeitsbestätigung)
Nur Art und Dauer der Beschäftigung – keine Bewertung. Kann auf Verlangen ausgestellt werden. Sinnvoll bei sehr kurzem Arbeitsverhältnis oder wenn das qualifizierte Zeugnis negativ ausfallen würde.
Wann welches?
Verlange immer zuerst ein qualifiziertes Zeugnis. Ein einfaches Zeugnis ist die Ausweichoption – es fehlt die Bewertung, aber auch keine negativen Formulierungen.

Aufbau eines Arbeitszeugnisses

Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis in der Schweiz folgt einem festen Aufbau. Abweichungen von dieser Reihenfolge können bereits ein Signal sein.

1

Titel und Personalien

Überschrift «Arbeitszeugnis», Name, Geburtsdatum, Heimatort/Nationalität, Eintrittsdatum.

2

Unternehmensbeschreibung

Kurze Vorstellung des Unternehmens (Branche, Grösse, Standort). Dient der Einordnung für künftige Arbeitgeber.

3

Funktionsbezeichnung und Aufgaben

Position, Abteilung, Verantwortungsbereich. Die wichtigsten Aufgaben werden in absteigender Bedeutung aufgeführt.

4

Leistungsbeurteilung

Fachkompetenz, Arbeitsqualität, Arbeitsmenge, Zuverlässigkeit und besondere Erfolge. Hier stecken die meisten Geheimcodes.

5

Verhaltensbeurteilung

Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kolleg/innen, Kund/innen und Untergebenen. Die Reihenfolge ist wichtig – Vorgesetzte werden immer zuerst genannt.

6

Austrittsgrund

«auf eigenen Wunsch», «im gegenseitigen Einvernehmen» oder «infolge Reorganisation». Ein fehlender Austrittsgrund kann negativ gedeutet werden.

7

Schlussformel

Dank, Bedauern über den Weggang und Zukunftswünsche. Eine fehlende oder knappe Schlussformel ist ein Warnsignal.

Geheimcodes & Formulierungen

Arbeitszeugnisse in der Schweiz verwenden eine codierte Sprache. Dank der Wohlwollenspflicht klingen auch negative Bewertungen positiv. Die folgende Tabelle zeigt, was hinter den gängigsten Formulierungen steckt.

Leistungsbeurteilung – Notenskala

Leistungsformulierungen entschlüsselt
Note
Formulierung
Bedeutung
Sehr gut
«stets zu unserer vollsten Zufriedenheit»
Hervorragend – Bestnote
Gut
«stets zu unserer vollen Zufriedenheit»
Überdurchschnittlich
Befriedigend
«zu unserer vollen Zufriedenheit»
Durchschnitt – solide
Ausreichend
«zu unserer Zufriedenheit»
Unterdurchschnittlich
Mangelhaft
«im Grossen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit»
Ungenügend
Ungenügend
«hat sich bemüht» / «war bestrebt»
Sehr schlecht

Verhaltensbeurteilung

Verhaltensformulierungen entschlüsselt
Note
Formulierung
Bedeutung
Sehr gut
«war stets vorbildlich und sehr geschätzt»
Tadelloses Verhalten
Gut
«war stets einwandfrei»
Sehr gutes Verhalten
Befriedigend
«war einwandfrei»
Okay, aber nicht herausragend
Mangelhaft
«war korrekt» / «war nicht zu beanstanden»
Probleme im Umgang

Versteckte Warnsignale

Codierte Formulierungen – Achtung!
Formulierung
Was wirklich gemeint ist
«war gesellig und trug zur Verbesserung des Betriebsklimas bei»
Alkoholproblem am Arbeitsplatz
«zeigte Verständnis für die Arbeit»
Hat nichts geleistet, aber zugeschaut
«war bei Kolleg/innen beliebt» (ohne Erwähnung der Vorgesetzten)
Probleme mit Vorgesetzten
«erledigte die übertragenen Arbeiten pflichtbewusst»
Keine Eigeninitiative, nur Dienst nach Vorschrift
«mit Interesse an den Aufgaben»
Engagement war da, Ergebnis nicht
«wir wünschen ihm alles Gute» (ohne «viel Erfolg»)
Braucht Glück – Erfolg wird nicht erwartet
«hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten eingesetzt»
Fähigkeiten waren begrenzt

Faustregel: Achte auf das Wort «stets». Es macht den Unterschied zwischen gut und sehr gut. Fehlt «stets», ist die Bewertung eine Stufe tiefer. Fehlt zusätzlich «voll», ist sie zwei Stufen tiefer.

Zwischenzeugnis

Ein Zwischenzeugnis ist ein vollwertiges Arbeitszeugnis, das während des laufenden Arbeitsverhältnisses ausgestellt wird. Es wird im Präsens formuliert und enthält die gleichen Elemente wie ein Schlusszeugnis.

Rechtsgrundlage
OR Art. 330a – gleicher Anspruch wie beim Schlusszeugnis. Der Arbeitgeber kann ein Zwischenzeugnis nicht verweigern.
Typische Anlässe
Vorgesetztenwechsel, Reorganisation, Beförderung, interne Versetzung, bevorstehende externe Bewerbung oder Stellenabbau-Gerüchte.
Formulierung
Im Präsens verfasst («Frau Muster ist seit...»). Kein Austrittsgrund, keine Schlussformel mit Bedauern – dafür eine Begründung für die Ausstellung.
Bindungswirkung
Das Zwischenzeugnis bindet den Arbeitgeber: Das spätere Schlusszeugnis darf nicht ohne sachlichen Grund schlechter ausfallen. Wichtige Absicherung bei Vorgesetztenwechsel.
Strategischer Tipp
Verlange ein Zwischenzeugnis, bevor das Verhältnis zum Vorgesetzten angespannt ist. So hast du eine positive Referenz als Basis für das Schlusszeugnis.

Muster-Vorlage Arbeitszeugnis

Das folgende Muster zeigt ein gutes qualifiziertes Arbeitszeugnis (Note «gut»). Passe es an deine Situation an – es dient als Orientierung, wie ein korrektes Zeugnis aussehen sollte.

Arbeitszeugnis – Muster (Note «gut»)

Arbeitszeugnis

Frau Anna Muster, geboren am 15. Mai 1990, Schweizer Bürgerin, war vom 1. März 2020 bis zum 31. August 2026 als Marketing-Managerin in unserem Unternehmen tätig.

Die Muster AG ist ein führendes Schweizer Technologieunternehmen mit Sitz in Zürich und rund 250 Mitarbeitenden.

Frau Muster war verantwortlich für die Planung und Umsetzung von Marketingkampagnen, die Betreuung der Social-Media-Kanäle, die Koordination mit externen Agenturen sowie die Analyse der Kampagnen-Performance. Zudem leitete sie ein Team von drei Mitarbeitenden.

Frau Muster verfügt über ein fundiertes Fachwissen im digitalen Marketing, das sie stets gewinnbringend einsetzte. Sie arbeitete stets zuverlässig, selbstständig und zielorientiert. Ihre Arbeitsergebnisse waren qualitativ hochwertig und termingerecht. Besonders hervorzuheben ist die erfolgreiche Einführung einer neuen Content-Strategie, die die Reichweite um 40 % steigerte.

Frau Muster erledigte ihre Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit.

Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen sowie Kund/innen war stets einwandfrei. Sie wurde als kompetente und hilfsbereite Teamkollegin geschätzt.

Frau Muster verlässt unser Unternehmen auf eigenen Wunsch, um eine neue berufliche Herausforderung anzunehmen. Wir bedauern ihren Weggang sehr und danken ihr für die geleistete Arbeit.

Wir wünschen Frau Muster für ihre berufliche und private Zukunft alles Gute und viel Erfolg.

Zürich, 31. August 2026

Muster AG

[Unterschrift Geschäftsleitung / HR]

Hinweis: Dieses Muster enthält die Formulierung «stets zu unserer vollen Zufriedenheit» (= gut). Für die Bestnote müsste es «stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» heissen. Die Schlussformel mit «bedauern» und «viel Erfolg» ist vollständig und positiv.

Zeugnis prüfen & anfechten

Prüfe dein Arbeitszeugnis sorgfältig, bevor du es akzeptierst. Die folgenden Punkte solltest du systematisch kontrollieren:

Vollständigkeit prüfen

Enthält das Zeugnis alle sieben Elemente (Personalien, Unternehmen, Aufgaben, Leistung, Verhalten, Austrittsgrund, Schlussformel)? Fehlende Abschnitte sind ein bewusstes negatives Signal – z.B. eine fehlende Schlussformel oder kein Austrittsgrund.

Leistungsformel decodieren

Vergleiche die Leistungsformel mit der Notenskala oben. Achte auf «stets» und «vollsten/vollen». Fehlt eines dieser Wörter, ist die Note niedriger als sie klingt.

Verhaltensreihenfolge kontrollieren

Die korrekte Reihenfolge ist: Vorgesetzte → Kolleg/innen → Kund/innen. Werden Vorgesetzte nicht zuerst oder gar nicht genannt, deutet das auf Konflikte mit der Führungsebene hin.

Schlussformel bewerten

Eine vollständige Schlussformel enthält: Bedauern über den Weggang, Dank für die Zusammenarbeit und Zukunftswünsche («viel Erfolg», nicht nur «alles Gute»). Jedes fehlende Element senkt den Gesamteindruck.

Berichtigung verlangen

Falls du mit dem Zeugnis nicht einverstanden bist: Schriftlich und konkret beanstanden. Nenne die Passage, erkläre, warum sie nicht zutrifft, und schlage eine alternative Formulierung vor. Setze eine Frist von 10–14 Tagen.

Tipp: Führe das Gespräch zuerst mündlich. Oft lassen sich Formulierungen im direkten Austausch mit HR schneller klären als über den Rechtsweg.

Tipps für Arbeitnehmer

1

Zeugnis frühzeitig anfordern

Verlange das Arbeitszeugnis spätestens bei der Kündigung, idealerweise schon vorher als Zwischenzeugnis. Je länger du wartest, desto schwieriger wird die Durchsetzung einer Berichtigung.

2

Eigenen Entwurf vorbereiten

Viele Arbeitgeber (besonders KMU) sind froh, wenn du einen Entwurf lieferst. Formuliere deine Aufgaben und Erfolge selbst – der Arbeitgeber muss ihn nur noch prüfen und anpassen.

3

Erfolge dokumentieren

Führe während der Anstellung eine Erfolgsliste: Projekte, messbare Ergebnisse, Weiterbildungen, übernommene Verantwortung. Diese Liste ist Gold wert, wenn du das Zeugnis verhandelst.

4

Codes kennen

Lerne die wichtigsten Zeugniscodes (siehe oben). Wer die Sprache versteht, erkennt versteckte Kritik sofort und kann gezielt eine Berichtigung verlangen.

5

Schlussformel nicht unterschätzen

Die Schlussformel ist das Erste, was erfahrene HR-Fachleute lesen. «Wir bedauern den Weggang sehr» und «wünschen viel Erfolg» sind entscheidende Signale. Bestehe auf einer vollständigen Formel.

6

Datum und Form prüfen

Das Zeugnis sollte auf dem offiziellen Firmenbriefpapier erstellt und von einer zeichnungsberechtigten Person unterschrieben sein. Das Ausstellungsdatum sollte nahe am Austrittstag liegen – ein viel späteres Datum wirft Fragen auf.

Häufige Fragen zum Arbeitszeugnis in der Schweiz

Ja. Nach OR Art. 330a kann jeder Arbeitnehmer jederzeit ein Zeugnis verlangen – auch während des Arbeitsverhältnisses (Zwischenzeugnis). Der Arbeitgeber ist verpflichtet, das Zeugnis auszustellen. Dieser Anspruch ist unverjährbar, solange das Arbeitsverhältnis besteht, und verjährt danach innert 10 Jahren.

Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis (Vollzeugnis) beschreibt Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie Leistung und Verhalten. Ein einfaches Arbeitszeugnis (Arbeitsbestätigung) enthält nur Art und Dauer der Anstellung – ohne Bewertung. Du kannst wählen, welche Variante du möchtest.

Zuerst: Schriftlich eine Berichtigung verlangen und konkret angeben, welche Formulierungen du beanstandest. Bleibt der Arbeitgeber hart, kannst du eine Klage auf Berichtigung beim Arbeitsgericht einreichen. Die Beweislast liegt bei dir für überdurchschnittliche Leistungen und beim Arbeitgeber für unterdurchschnittliche Bewertungen.

Das Gesetz nennt keine Frist, aber die Rechtsprechung geht von 2 bis 4 Wochen aus. In der Praxis sollte das Zeugnis spätestens am letzten Arbeitstag vorliegen. Verzögert der Arbeitgeber die Ausstellung, kannst du ihn schriftlich mahnen und notfalls auf dem Rechtsweg einfordern.

Grundsätzlich nein. Eine Krankheit darf nur erwähnt werden, wenn sie die Leistung wesentlich und über längere Zeit beeinflusst hat (z.B. mehr als ein Drittel der Anstellungszeit). Kurze Absenzen, psychische Erkrankungen oder der Grund einer Kündigung wegen Krankheit dürfen nicht im Zeugnis stehen.

Ja, jederzeit (OR Art. 330a). Besonders sinnvoll ist es bei: Vorgesetztenwechsel, interner Umstrukturierung, Versetzung, vor einer Beförderung oder wenn du dich intern/extern bewerben möchtest. Das Zwischenzeugnis wird im Präsens formuliert und bildet eine wichtige Grundlage für das spätere Schlusszeugnis.

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