Arbeitszeugnis Schweiz 2026 – Codes, Formulierungen & Vorlage
Geheimcodes entschlüsseln, Formulierungen richtig deuten und dein Zeugnis prüfen – mit OR-Grundlagen, Muster-Vorlage und Tipps zur Berichtigung.
Rechtsgrundlage (OR Art. 330a)
Das Schweizer Obligationenrecht regelt den Anspruch auf ein Arbeitszeugnis in Art. 330a OR. Jeder Arbeitnehmer kann jederzeit ein Zeugnis verlangen – nicht erst bei der Kündigung.
Das Arbeitszeugnis muss drei Grundsätze erfüllen: Es muss wahrheitsgemäss, wohlwollend und vollständig sein. Im Zweifelsfall geht Wahrheit vor Wohlwollen.
Qualifiziertes vs. einfaches Zeugnis
Aufbau eines Arbeitszeugnisses
Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis in der Schweiz folgt einem festen Aufbau. Abweichungen von dieser Reihenfolge können bereits ein Signal sein.
Titel und Personalien
Überschrift «Arbeitszeugnis», Name, Geburtsdatum, Heimatort/Nationalität, Eintrittsdatum.
Unternehmensbeschreibung
Kurze Vorstellung des Unternehmens (Branche, Grösse, Standort). Dient der Einordnung für künftige Arbeitgeber.
Funktionsbezeichnung und Aufgaben
Position, Abteilung, Verantwortungsbereich. Die wichtigsten Aufgaben werden in absteigender Bedeutung aufgeführt.
Leistungsbeurteilung
Fachkompetenz, Arbeitsqualität, Arbeitsmenge, Zuverlässigkeit und besondere Erfolge. Hier stecken die meisten Geheimcodes.
Verhaltensbeurteilung
Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kolleg/innen, Kund/innen und Untergebenen. Die Reihenfolge ist wichtig – Vorgesetzte werden immer zuerst genannt.
Austrittsgrund
«auf eigenen Wunsch», «im gegenseitigen Einvernehmen» oder «infolge Reorganisation». Ein fehlender Austrittsgrund kann negativ gedeutet werden.
Schlussformel
Dank, Bedauern über den Weggang und Zukunftswünsche. Eine fehlende oder knappe Schlussformel ist ein Warnsignal.
Geheimcodes & Formulierungen
Arbeitszeugnisse in der Schweiz verwenden eine codierte Sprache. Dank der Wohlwollenspflicht klingen auch negative Bewertungen positiv. Die folgende Tabelle zeigt, was hinter den gängigsten Formulierungen steckt.
Leistungsbeurteilung – Notenskala
Verhaltensbeurteilung
Versteckte Warnsignale
Faustregel: Achte auf das Wort «stets». Es macht den Unterschied zwischen gut und sehr gut. Fehlt «stets», ist die Bewertung eine Stufe tiefer. Fehlt zusätzlich «voll», ist sie zwei Stufen tiefer.
Zwischenzeugnis
Ein Zwischenzeugnis ist ein vollwertiges Arbeitszeugnis, das während des laufenden Arbeitsverhältnisses ausgestellt wird. Es wird im Präsens formuliert und enthält die gleichen Elemente wie ein Schlusszeugnis.
Muster-Vorlage Arbeitszeugnis
Das folgende Muster zeigt ein gutes qualifiziertes Arbeitszeugnis (Note «gut»). Passe es an deine Situation an – es dient als Orientierung, wie ein korrektes Zeugnis aussehen sollte.
Arbeitszeugnis
Frau Anna Muster, geboren am 15. Mai 1990, Schweizer Bürgerin, war vom 1. März 2020 bis zum 31. August 2026 als Marketing-Managerin in unserem Unternehmen tätig.
Die Muster AG ist ein führendes Schweizer Technologieunternehmen mit Sitz in Zürich und rund 250 Mitarbeitenden.
Frau Muster war verantwortlich für die Planung und Umsetzung von Marketingkampagnen, die Betreuung der Social-Media-Kanäle, die Koordination mit externen Agenturen sowie die Analyse der Kampagnen-Performance. Zudem leitete sie ein Team von drei Mitarbeitenden.
Frau Muster verfügt über ein fundiertes Fachwissen im digitalen Marketing, das sie stets gewinnbringend einsetzte. Sie arbeitete stets zuverlässig, selbstständig und zielorientiert. Ihre Arbeitsergebnisse waren qualitativ hochwertig und termingerecht. Besonders hervorzuheben ist die erfolgreiche Einführung einer neuen Content-Strategie, die die Reichweite um 40 % steigerte.
Frau Muster erledigte ihre Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit.
Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen sowie Kund/innen war stets einwandfrei. Sie wurde als kompetente und hilfsbereite Teamkollegin geschätzt.
Frau Muster verlässt unser Unternehmen auf eigenen Wunsch, um eine neue berufliche Herausforderung anzunehmen. Wir bedauern ihren Weggang sehr und danken ihr für die geleistete Arbeit.
Wir wünschen Frau Muster für ihre berufliche und private Zukunft alles Gute und viel Erfolg.
Zürich, 31. August 2026
Muster AG
[Unterschrift Geschäftsleitung / HR]
Hinweis: Dieses Muster enthält die Formulierung «stets zu unserer vollen Zufriedenheit» (= gut). Für die Bestnote müsste es «stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» heissen. Die Schlussformel mit «bedauern» und «viel Erfolg» ist vollständig und positiv.
Zeugnis prüfen & anfechten
Prüfe dein Arbeitszeugnis sorgfältig, bevor du es akzeptierst. Die folgenden Punkte solltest du systematisch kontrollieren:
Vollständigkeit prüfen
Enthält das Zeugnis alle sieben Elemente (Personalien, Unternehmen, Aufgaben, Leistung, Verhalten, Austrittsgrund, Schlussformel)? Fehlende Abschnitte sind ein bewusstes negatives Signal – z.B. eine fehlende Schlussformel oder kein Austrittsgrund.
Leistungsformel decodieren
Vergleiche die Leistungsformel mit der Notenskala oben. Achte auf «stets» und «vollsten/vollen». Fehlt eines dieser Wörter, ist die Note niedriger als sie klingt.
Verhaltensreihenfolge kontrollieren
Die korrekte Reihenfolge ist: Vorgesetzte → Kolleg/innen → Kund/innen. Werden Vorgesetzte nicht zuerst oder gar nicht genannt, deutet das auf Konflikte mit der Führungsebene hin.
Schlussformel bewerten
Eine vollständige Schlussformel enthält: Bedauern über den Weggang, Dank für die Zusammenarbeit und Zukunftswünsche («viel Erfolg», nicht nur «alles Gute»). Jedes fehlende Element senkt den Gesamteindruck.
Berichtigung verlangen
Falls du mit dem Zeugnis nicht einverstanden bist: Schriftlich und konkret beanstanden. Nenne die Passage, erkläre, warum sie nicht zutrifft, und schlage eine alternative Formulierung vor. Setze eine Frist von 10–14 Tagen.
Tipp: Führe das Gespräch zuerst mündlich. Oft lassen sich Formulierungen im direkten Austausch mit HR schneller klären als über den Rechtsweg.
Tipps für Arbeitnehmer
Zeugnis frühzeitig anfordern
Verlange das Arbeitszeugnis spätestens bei der Kündigung, idealerweise schon vorher als Zwischenzeugnis. Je länger du wartest, desto schwieriger wird die Durchsetzung einer Berichtigung.
Eigenen Entwurf vorbereiten
Viele Arbeitgeber (besonders KMU) sind froh, wenn du einen Entwurf lieferst. Formuliere deine Aufgaben und Erfolge selbst – der Arbeitgeber muss ihn nur noch prüfen und anpassen.
Erfolge dokumentieren
Führe während der Anstellung eine Erfolgsliste: Projekte, messbare Ergebnisse, Weiterbildungen, übernommene Verantwortung. Diese Liste ist Gold wert, wenn du das Zeugnis verhandelst.
Codes kennen
Lerne die wichtigsten Zeugniscodes (siehe oben). Wer die Sprache versteht, erkennt versteckte Kritik sofort und kann gezielt eine Berichtigung verlangen.
Schlussformel nicht unterschätzen
Die Schlussformel ist das Erste, was erfahrene HR-Fachleute lesen. «Wir bedauern den Weggang sehr» und «wünschen viel Erfolg» sind entscheidende Signale. Bestehe auf einer vollständigen Formel.
Datum und Form prüfen
Das Zeugnis sollte auf dem offiziellen Firmenbriefpapier erstellt und von einer zeichnungsberechtigten Person unterschrieben sein. Das Ausstellungsdatum sollte nahe am Austrittstag liegen – ein viel späteres Datum wirft Fragen auf.
Häufige Fragen zum Arbeitszeugnis in der Schweiz
Ja. Nach OR Art. 330a kann jeder Arbeitnehmer jederzeit ein Zeugnis verlangen – auch während des Arbeitsverhältnisses (Zwischenzeugnis). Der Arbeitgeber ist verpflichtet, das Zeugnis auszustellen. Dieser Anspruch ist unverjährbar, solange das Arbeitsverhältnis besteht, und verjährt danach innert 10 Jahren.
Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis (Vollzeugnis) beschreibt Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie Leistung und Verhalten. Ein einfaches Arbeitszeugnis (Arbeitsbestätigung) enthält nur Art und Dauer der Anstellung – ohne Bewertung. Du kannst wählen, welche Variante du möchtest.
Zuerst: Schriftlich eine Berichtigung verlangen und konkret angeben, welche Formulierungen du beanstandest. Bleibt der Arbeitgeber hart, kannst du eine Klage auf Berichtigung beim Arbeitsgericht einreichen. Die Beweislast liegt bei dir für überdurchschnittliche Leistungen und beim Arbeitgeber für unterdurchschnittliche Bewertungen.
Das Gesetz nennt keine Frist, aber die Rechtsprechung geht von 2 bis 4 Wochen aus. In der Praxis sollte das Zeugnis spätestens am letzten Arbeitstag vorliegen. Verzögert der Arbeitgeber die Ausstellung, kannst du ihn schriftlich mahnen und notfalls auf dem Rechtsweg einfordern.
Grundsätzlich nein. Eine Krankheit darf nur erwähnt werden, wenn sie die Leistung wesentlich und über längere Zeit beeinflusst hat (z.B. mehr als ein Drittel der Anstellungszeit). Kurze Absenzen, psychische Erkrankungen oder der Grund einer Kündigung wegen Krankheit dürfen nicht im Zeugnis stehen.
Ja, jederzeit (OR Art. 330a). Besonders sinnvoll ist es bei: Vorgesetztenwechsel, interner Umstrukturierung, Versetzung, vor einer Beförderung oder wenn du dich intern/extern bewerben möchtest. Das Zwischenzeugnis wird im Präsens formuliert und bildet eine wichtige Grundlage für das spätere Schlusszeugnis.
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